Foto: Thomas Gertler

 So lange Winter!

So lange Winter hatten wir lange nicht. Gerade komme ich aus dem Hochsauerland, aus der Gegend von Winterberg, dort war die ganze Woche lang Schnee. Wenig Schnee, viel Schnee, ganz viel Schnee. Jeden Tag fuhr der kleine Schneepflug und machte die Wege auf unserem Grundstück frei. Dabei wurde es zuweilen glatter als zuvor und darum bin ich auch mal wieder richtig heftig ausgerutscht und auf die Rippen gefallen. Ich werde noch eine Weile das Sauer-Sauer- Sauerland spüren.

So lange Winter – schön. Wunderschön! Erinnerungen an die Kindheit steigen auf und an das Glück zu rodeln. Es gab bei uns zu Hause wie in vielen Orten eine so genannte Todesbahn. Da traute sich nicht jeder runter mit dem Schlitten… Erst als ich etwas größer war, bin ich da runter und man bekam auch richtig große Geschwindigkeit drauf. Wir sind dann auch mal zu zweit gefahren. Als wir juchzend über eine Bodenwelle sprangen, brach bei der Landung der Schlitten unter uns auseinander. Das war‘s dann für diesen Nachmittag.

So lange Winter – schrecklich. Furchtbar! Oh, wenn es doch endlich wieder heller würde! Oh, wenn es doch endlich wieder wärmer würde. Wenn ich wieder Sandalen tragen kann und nicht diese schweren Winterschuhe! Wenn es wieder bunter wird und fröhlicher, nicht nur die Menschen, auch die Natur. Oh, wie sehne ich mich danach.

So lange Winter – das kann auch ein seelischer Zustand sein. Und das ist es auch für viele Menschen. Dunkel, Kälte, Einsamkeit. Kein Seelentrost weit und breit. Und wie leicht suche ich dann den falschen Trost, der noch trauriger macht und tiefer in Dunkel, Trauer, Schwermut und Einsamkeit führt. Und wie groß ist dann die Sehnsucht, dass es in mir wieder hell wird und warm und lebendig und farbig und duftig und leicht.

Jetzt bin ich auf einen Spruch von Albert Camus gestoßen: “Im tiefsten Winter fand ich heraus, dass ich, tief in mir, einen unsterblichen Sommer mit mir trug.“ (Dans la profondeur de l'hiver, j'ai finalement appris qu'il y avait en moi un Soleil invincible.)

Und nun lade ich Sie, liebe Leserinnen und Leser ein, erst einmal inne zu halten, um diesen Spruch an sich heran- und in sich hereinzulassen. Nicht gleich weiter lesen! Wie schmeckt mir dieser Satz? Was löst er aus? Diese Erfahrung? Diese Zusammenfassung einer Entdeckungsreise?

Dieses Wort von Camus hat einen konkreten biografischen Hintergrund. In seiner Jugend hat er glückliche Zeiten in Tipasa  an der Küste Algeriens verbracht, um dort seine Tuberkulose auszuheilen. In winterlichen Zeiten hat er später über diese sonnendurchfluteten Zeiten geschrieben: „Heimkehr nach Tipasa“ (1953). Darin steht der zitierte Satz von ihm.

Ja, solche Erinnerungen sind ganz wichtig. Besonders in winterlicher Zeit. Besonders im Seelenwinter! Sie sind wie Zufluchtsorte, Kachelöfen und Heilquellen. Haben Sie auch solche heiligen und heilenden Erinnerungen? Können Sie zu ihnen Zuflucht nehmen? Finden Sie Kontakt dorthin? Als Kind auf einer Wiese sitzen. Mit den Geschwistern am Strand. Oder mit dem geliebten Hund durch den Wald streifen. Vielleicht auch der Kirchenbesuch mit der guten Oma. Den Kopf an ihrer Schulter. Oder im Arm eines lieben Menschen. Haben Sie innere Bilder? Da helfen auch alte Fotos. Holen Sie die einmal hervor!

Ich wünsche Ihnen solch eine Heimkehr nach Tipasa und die Entdeckung gerade jetzt im so langen Winter, dass auch Sie einen solchen unbesiegbaren Sommer in sich haben. Oder wenigstens öffnen Sie sich der Sehnsucht nach ihm. Vielleicht strahlt er in Sie hinein!

Herzliche Grüße
Thomas Gertler SJ

21. Februar 2018

Die Römer feierten das Fest „sol invictus“, das Fest der unbesiegbaren Sonne. Wir könnten Camus auch so übersetzen: un Soleil invincible – eine unbesiegliche Sonne trägt er in sich. Die Christen haben dieses Fest „der unbesiegbaren Sonne“, das Fest der Wintersonnenwende am 25. Dezember zum Weihnachtsfest gemacht. Oder anders gesagt und gesungen: „In der Mitte der Nacht liegt der Anfang eines neuen Tags…“. Die erste Schöpfungstat Gottes ist die Schaffung des Lichtes. Und Gott sah, dass das Licht gut war. Und Christus ist das Licht, das in der Finsternis leuchtet und sie besiegt (Joh 1).

Tipasa gehört mit seinen römischen Ruinen (im Hintergrund) zum Weltkulturerbe.
Foto: Mina Messa - CC BY-SA 4.0

Gen 1,1 - 5

1,1 Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde; 2 die Erde aber war wüst und wirr, Finsternis lag über der Urflut und Gottes Geist schwebte über dem Wasser. 3 Gott sprach: Es werde Licht. Und es wurde Licht. 4 Gott sah, dass das Licht gut war. Gott schied das Licht von der Finsternis 5 und Gott nannte das Licht Tag und die Finsternis nannte er Nacht. Es wurde Abend und es wurde Morgen: erster Tag.